Keine Angst vor dem Scrollen

Die Angst des Kunden vorm Scrollen

Immer wieder konfrontieren uns Kunden mit dem Wunsch, dass Struktur und Screendesign ihrer neuen Website bitte so angelegt sein mögen, dass man nicht scrollen müsse. Für uns als per se „digital natives“ ist dieser Wunsch nur schwer nachvollziehbar. Eine Website zu entwickeln, auf der man nicht scrollen darf ist so, also würde man ein Auto ohne Reifen oder ein Buch mit nur einer Seite produzieren.

Woher kommt der Wunsch nach dem Nicht-Scrollen? Drei Aspekte sind hier wohl Vater des Gedanken: Erstens kommt dieser merkwürdige Wunsch fast ausschließlich von mittelgroßen Unternehmen. Hier können wir beobachten, dass die interne IT-Abteilung wahre Trutzburgen sicherheitstechnisch aufgeladener Systeme installiert hat, die sich meist in überalteter Soft- und v. a. Hardware entlädt. Auf den Tischen stehen alte Monitore, die nur mit Glück größere Bildschirmauflösungen als 1024 x 768 Pixel haben. Oftmals sind die Betriebssysteme so alt, dass nur ältere Internet-Explorer-Versionen zum Einsatz kommen, die der natürlich Feind jeder guten (CSS3-/HTML5-)Gestaltung sind (Internet Explorer ist sowieso eine Sache für sich, aber bei der Nutzung von Versionen vor der jeweils aktuellen steigt ein saurer Pestilenzgeruch aus dem Lüfter des PC). Die Benutzer werden also gezwungen, sich dem beschränkenden Diktat der internen IT zu unterwerfen und übersehen dabei, dass es „draußen“ durchaus auch Anderes gibt. Mal ganz zu schweigen, dass es schon seit Jahrzehnten Mäuse mit Trackrad gibt …

Zweitens wird die digitale Kommunikation oft vom klassischen Marketing koordiniert. Dagegen ist eigentlich nichts einzuwenden, wenn allerdings das klassische Marketing „Print“-getrieben ist, dann überträgt sich diese Gefühls- und Erfahrungswelt auch auf „Digital“. Kompakte Gestaltungen haben im Printumfeld sicher ihre Berechtigung, nimmt man aber mal die zugrundeliegende Informationsdichte eines einer Website vergleichbaren Print-Produktes, so ist dort – Achtung, jetzt kommt’s – das „Scrollen“ (in Form des Blätterns) überhaupt kein Thema, über das diskutiert wird. Warum dann aber auf einer Website? Weil Scrollen offenbar eine im Vergleich zum Umblättern ungewohnte Bewegung ist, wohingegen komischerweise das Überladen mit Links zu Folgeseiten völlig unproblematisch ist. Um in der Analogie zu bleiben: Eine nicht-scrollende, aber mit einer Menge Unterseiten versehene Website ist das Gleiche wie eine Broschüre, die man nicht durchblättert, sondern in der man sich jede Information über den Index auf den letzten Seiten sucht und dann die richtige Seite nach ihrer Seitennummer aufschlägt. Wer macht das denn?

Und drittens kommen Vorgaben für das Screendesign (und auch die Struktur) der Website oft von der klassischen Agentur des Kunden. Man kennt sich ja und ist zufrieden. Was dabei übersehen wird ist, dass wir hier von zwei völlig unterschiedlichen Welten sprechen: Digital und „Klassisch“ unterliegen eigenen Gesetzen. Strukturen, Designelemente und die Kommunikation sind völlig unterschiedlich. „Klassisch“ ist sehr linear und zweidimensional – und vor allem nicht interaktiv (außer beim Blättern). Digital ist hingegen mehrdimensional, interaktiv und gewiss nicht linear. Somit sind auch die Kommunikationsprinzipien völlig anders – und das ist auch der Grund, warum es spezialisierte Agenturen gibt: Wenn man sein Haus streichen möchte, holt man ja auch nicht den Tischler, auch wenn der ansonsten Super-Arbeit liefert. Daher wäre es sicher mehr als sinnvoll, im analogen Umfeld die klassische Agentur und im digitalen die Digitalagentur ihren Job machen zu lassen.

Unsere Aufgabe als Digitalagentur ist es nun, unsere Kunden zu überzeugen, dass Scrollen nichts Schlimmes ist. Wir gehen sogar noch weiter: Scrollen ist gut. Scrollen fördert die Beschäftigung mit der Website. Es werden ganz subtile „Jagderfolge“ vermittelt und der Reiz, sich mit einer Website zu beschäftigen ist größer. Man muss nur wissen, wie es geht, über Struktur und Inhalte Interesse zu wecken und aufrecht zu erhalten. Und das ist unser Job.

Und wen es interessiert: Die höchste und damit scroll-intensivste Website ist 18,94 km hoch: http://worlds-highest-website.com/– geht doch auch!

Autor: Frank W. Tag

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